Intravenöse Sauerstofftherapie – Kritik, Risiken und was die Studien sagen
Die intravenöse Sauerstofftherapie (auch Oxyvenierung oder IOT genannt) wird in einigen Praxen als Wundermittel angepriesen. Gleichzeitig gibt es deutliche kritische Stimmen aus Medizin, Forschung und Gesundheitsbehörden. Dieser Artikel fasst die Kritikpunkte, den Stand der Evidenz und wichtige Sicherheitsaspekte zur „intravenösen Sauerstofftherapie“ zusammen.
Was ist mit "intravenöse Sauerstofftherapie" gemeint?
Unter dem Begriff intravenöse Sauerstofftherapie (auch Oxyvenierung, IOT, KIS u.ä.) werden verschiedene Verfahren verstanden, bei denen medizinischer Sauerstoff oder sauerstoffreiches Medium über eine Vene verabreicht wird. Anbieter beschreiben Effekte wie bessere Durchblutung, entzündungshemmende Wirkung und Energiesteigerung. Die entsprechenden Anwendungen finden sich zunehmend auf Praxis-Webseiten und in alternativen Medizinangeboten (z. B. Beispielangebot, Gesundheitslexikon).
Warum es Kritik an der intravenösen Sauerstofftherapie gibt
Die Kritik an der intravenösen Sauerstofftherapie lässt sich in drei Kernpunkte gliedern:
- Fehlende belastbare Wirksamkeitsnachweise: Systematische Bewertungen und gesundheitspolitische Gutachten kommen zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit für viele der propagierten Indikationen nicht durch randomisierte, kontrollierte Studien belegt ist. Ein umfangreicher HTA-Bericht nennt die Komplexe intravenöse Sauerstofftherapie beispielsweise als Verfahren ohne hinreichende Evidenz (DIMDI/HTA-Bericht, 2001).
- Physiologische Zweifel: Aus physiologischer Sicht ist fraglich, wie eine kurzzeitige Verabreichung von sauerstoffhaltigem Medium ins Blut die Sauerstoffversorgung der Gewebe dauerhaft verbessert. Die Sauerstoffbindung im Blut erfolgt überwiegend an Hämoglobin; die im Plasma gelöste Sauerstoffmenge ist begrenzt, sodass die Effekte auf die Gewebeoxygenierung wahrscheinlich gering sind.
- Sicherheitsbedenken: Verfahren, die über das Einbringen von Gas in die Venen arbeiten, bergen Risiken wie Luft- oder Gasembolien. Auch berichtete Nebenwirkungen wie Hustenreiz, Müdigkeit oder in Einzelfällen Druckgefühle im Brustbereich werden auf Praxisseiten genannt, doch systematische Angaben zu Häufigkeit und Schwere fehlen häufig.
Was sagen Fachgesellschaften und Übersichtsarbeiten?
Deutsche Fachquellen und gesundheitspolitische Bewertungen äußern Zurückhaltung oder Kritik gegenüber der intravenösen Sauerstofftherapie. So diskutiert das Deutsche Ärzteblatt kritisch die Vertretbarkeit solcher Verfahren im klinischen Alltag und verweist auf fehlende Evidenz (Ärzteblatt). Der bereits zitierte HTA-Bericht des DIMDI aus dem Jahr 2001 kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass für manche Varianten keine ausreichenden Belege für Wirksamkeit und Sicherheit vorliegen.
Konkrete Risiken und Nebenwirkungen
- Air Embolie/Gasembolien: Das Einbringen von Gas in die Blutbahn kann im schlimmsten Fall eine Embolie auslösen. Das ist eine bekannte Gefahr bei versehentlicher Luftzufuhr.
- Infektionen und Venenreizungen: Jede intravenöse Manipulation kann Entzündungen an der Einstichstelle oder systemische Infektionen begünstigen, besonders bei unsauberen Bedingungen.
- Kardiopulmonale Effekte: Einige Anwender berichten über vorübergehendes Druckgefühl oder Husten; bei Patienten mit Herz- oder Lungenerkrankungen kann sich das Risiko erhöhen.
- Unklare Langzeitfolgen: Für langfristige Sicherheit und Nutzen fehlen robuste Daten.
Warum Anbieter weiterhin positive Erfahrungen berichten
Viele Praxen und Therapeut:innen geben an, positive Effekte bei Patient:innen beobachtet zu haben. Solche Erfahrungsberichte können wertvoll sein, ersetzen aber keine kontrollierten Studien. Effekte können durch Placebo, Begleittherapien, natürliche Krankheitsverläufe oder selektive Wahrnehmung erklärt werden. Außerdem werden verschiedene Varianten der Therapie angewandt, weshalb Ergebnisse schwer vergleichbar sind.
Rechtliche und ethische Aspekte
Wer solche Therapien anbietet, muss den gesetzlichen Rahmen und berufsrechtliche Vorgaben beachten: Aufklärungspflicht, Hinweis auf fehlende Evidenz und Dokumentation sind zentral. Heilpraktiker und Ärzte müssen Patient:innen ehrlich über Nutzen, Unsicherheiten und Risiken informieren. In öffentlichen Bewertungen (z. B. HTA-Berichte) gilt die Einordnung als Verfahren mit unzureichender Evidenz oft als Hinweis, dass Routineeinsatz nicht gerechtfertigt ist.
Praktische Empfehlungen für Patientinnen und Patienten
- Informieren Sie sich kritisch: Suchen Sie nach unabhängigen Quellen (z. B. Fachgesellschaften, HTA-Berichte) und hinterfragen Sie Anbieterangaben.
- Fragen Sie nach Belegen: Fordern Sie wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit und zu Nebenwirkungen für die genau angebotene Methode.
- Klärung des persönlichen Risikos: Bei Herz-, Lungen- oder Gerinnungsstörungen ist vorab ärztlicher Rat unerlässlich.
- Dokumentation und Aufklärung: Lassen Sie sich schriftlich über mögliche Risiken und Alternativen informieren.
- Priorisieren Sie bewährte Therapien: Bei behandlungsbedürftigen Erkrankungen sollten etablierte, evidenzbasierte Verfahren Vorrang haben.
Fazit: Kritik gerechtfertigt — aber differenziert betrachten
Die "intravenöse Sauerstofftherapie" wird kontrovers diskutiert. Zentrale Kritikpunkte sind das Fehlen belastbarer Wirksamkeitsnachweise, physiologische Zweifel an der Funktionsweise und potenzielle Sicherheitsrisiken. Gesundheitsbehörden und fachliche Übersichten raten zur Vorsicht und sehen für viele Indikationen keine ausreichende Evidenz (DIMDI/HTA, Ärzteblatt).
Wer eine solche Therapie in Erwägung zieht, sollte gut informiert sein, Nutzen und Risiken abwägen und zuerst evidenzbasierte Alternativen prüfen. Bei Unsicherheit ist eine unabhängige ärztliche Beratung sinnvoll.
Weiterlesen / Quellen
- Ärzteblatt: Intravenöse Sauerstofftherapie — Diskussion zur Vertretbarkeit: https://www.aerzteblatt.de/…
- DIMDI / HTA-Bericht (2001): Bewertung komplementärer Sauerstoffverfahren: https://portal.dimdi.de/…/hta057_bericht_de.pdf
- Beispiele von Anbieterinformationen (zur Einordnung): Praxisseiten zu Oxyvenierung (z. B. Dr. Dinic, Gesundheits-Lexikon)
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